Fast vergessen: die Heilkräfte von Schafsfleisch und Schafmilch

Schafsfleisch und Schafmilch für gesunde Ernährung
Schafsfleisch und Schafmilch für gesunde Ernährung (Bild: Pixabay)

Über Jahrtausende prägt das Schaf Europa. Es ist omnipräsent in Literatur und Kunst und elementares Symbol im Märchen wie in der Bibel. Doch aus unserem Alltag ist das Schaf fast verschwunden. Dabei sind Fleisch und Milch eine Bereicherung für eine gesunde Ernährung

Wer den Krimi „Glenkill“ gelesen hat, weiß nicht nur, wer Schäfer George ermordete, sondern auch, dass Schafe sich zwar äußerlich gleichen mögen, jedoch ganz unterschiedliche Charaktere haben. Darüber hinaus weiß er, dass es in einer Schafherde komple- xe Beziehungen und Rollen gibt und man ein Schaf nie unterschätzen sollte, selbst wenn es noch so wolligweiß und verträumt aussieht. Und wenn es in der Einführung über eine der Hauptfiguren heißt: „Mopple the Wale ist das Gedächtnisschaf: Was er sich einmal gemerkt hat, vergisst er nie“, dann ist das nicht nur eine Erfindung der Autorin.
In einer Studie des Babraham Institute in Großbritannien und des Hampshire College in Amherst, Massachusetts, konnten Schafe 50 verschiedene Schafs- und Menschenge- sichter wiedererkennen – auch wenn sie diese zwei Jahre lang nicht gesehen hatten. Außerdem entwickelten sie intensive Beziehungen untereinander (1).

Doch weder der Erfolg von Schafskrimis noch die erstaunlichen Fähigkeiten der Schafe können offensichtlich verhindern, dass das klassische Hausschaf, das über Jahrhunderte hinweg aufs Engste mit unserer Kultur verbunden war, ver- schwindet: aus unseren Landschaften, aus unserem Alltag, aus unserem Bewusstsein. Nicht einmal die Tatsache, dass das Bündnis Mensch und Tier das Schaf 2018 zum „Haustier“ des Jahres ernannt hatte, konnte daran viel ändern. Welch ein Verlust!

Schafmilch: Das Gute daran ist das Gute darin

In Deutschland wurden Schafe wegen ihres Fleisches und wegen ihrer Wolle gehalten. Schafmilch war nie so populär wie bei unseren europäischen Nachbarn, und daher gibt es bei uns auch keine bekannten Schafmilchprodukte wie den griechischen Feta, den französischen Roquefort oder den italienischen Pecorino. Dabei leistet Schafmilch einen wert- vollen Beitrag zur Ernährung.

Sie enthält weniger Wasser, aber mehr Protein, Fett und Mineralstoffe als Kuhmilch und ist leichter verdaulich. Sie regt das Körperwachstum an und eignet sich für alle, die etwa nach einer Krankheit aufgepäppelt werden müssen.

Die Vitamine A, D, E, B6, B12, C und Vitamin B2 Riboflavin gehören mit Kalzium, Kalium, Phosphor, Natrium und Magnesium zu den wichtigen Bestandteilen. Schafmilch enthält doppelt so viel Jod wie Kuhmilch und weniger Kasein, was sie für viele Allergiker besser verträglich macht. Eine Besonderheit von Schafmilch ist der hohe Gehalt an Orotsäure, auch Vitamin B13. Diese unterstützt die Regeneration von Leberzellen und verhindert Fetteinlagerungen in Aorta und anderen Gefäßen.
Schafmilch ist in der Regel ein echtes Bioprodukt. Da es viel weniger Bauern in Deutschland gibt, die Milchschafe statt Kühen halten, und nur wenige Molkereien, die Schafmilch abnehmen, werden die meisten Schafmilchprodukte direkt vom Bauern oder in Bioläden angeboten. 67 Prozent der Milchschafbetriebe sind bio-zertifiziert, so viele wie in keiner anderen landwirtschaftlichen Produktion (2).

Kurz und knapp: Schwarze Schafe

Das schwarze Schaf hat kein gutes Image, aber warum? Tat- sächlich waren dunkle Schafe ursprünglich nur deshalb weniger geschätzt, weil sich ihre Wolle schlechter färben lässt als weiße und daher aussortiert werden musste. Das machte den Schäfern mehr Arbeit, und schon hatte es seinen Makel, das ungeliebte schwarze Schaf.

Gut für Haut und Haare

Der hohe Anteil an ungesättigten Fettsäuren und Vitamin E macht Schafmilch auch zu einem wunderbaren Hautschutz- mittel bei trockener Haut und strohigem Haar. Raue und empfindliche Hände freuen sich über ein Bad in Schafmilch. Mischen Sie dafür einen Liter lauwarme Schafmilch mit je einem EL getrockneter Kamille- und Borretschblüten und baden Sie Ihre Hände mehrmals für einige Minuten darin.

Lammbraten nur zu Ostern

„Man konnte schon von Weitem sehen, wo sie waren: Eine riesige Staubwolke umgab sie, darunter tauchten beim Näherkommen schmutzigweiße Rücken auf, Tausende dicht aneinander gedrängt, Kopf an Schwanz, vorwärtsrollend wie eine einzige zähe Masse, ein träger, lehmiger Fluss, stetig und wie es schien unaufhaltsam.“ (3)

Die Zeiten solcher Herden sind lange vorbei. Seit 9000 Jahren dient das Schaf als Haustier, doch in Deutschland nimmt die Zahl trotz engagierter Schäfer und Initiativen ständig ab. Zwischen 2006 und 2015 fiel dem Deutschen Bauernblatt zufolge die Zahl der in Deutschland registrierten Schafhalter von 29 000 auf 10 000, die Zahl der Schafe ging von 2,56 auf 1,58 Millionen zurück, der Bundesverband der Berufsschäfer zählt 2016 nur noch 1000 Hirten.

Kein Wunder, denn Schaffleisch kommt in Deutschland nur selten auf den Tisch. Gerade mal 600 Gramm pro Jahr verzehrt durchschnittlich jeder Deutsche, das reicht gerade für das in vielen Familien traditionelle Osterlamm. Ein Ver- gleich: Der Durchschnittsverzehr von Schweinefleisch liegt bei über 36 Kilo pro Person (4).

Hildegard von Bingen schätzt die Schafleber

Dabei empfiehlt schon Hildegard von Bingen: „Iss reichlich und oft von der Leber des Schafes. Sie mindert den Schleim und reinigt den Magen von Unrat. Wer in der Brust hustet und seinen Atem schwer einzieht (Asthma), aber kein Leiden in der Lunge hat, esse häufig die Lunge vom Schaf und es wird ihm in der Brust besser gehen. Wessen Körper ganz von Kräften gekommen ist und dessen Venen zusammengefallen sind (Kreislaufschwäche), schlürfe oft, wenn er will, den Saft von Schaffleisch und die Brühe, worin es gekocht wurde; und wenn es ihm besser geht, esse er auch das Schaffleisch selber.“ (5).

Stärkende Suppe aus Lammfleisch

Auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin spielt das Lamm eine wichtige Rolle als kräftigende Nahrung gegen alle Arten von Kälte, bei Müdigkeit, Energiemangel, Erschöpfung, aber auch bei Lungenschwäche, chronischem Husten, Anämie und Blutmangel. Bei Durchfall empfiehlt sie Lammfleisch mit Knoblauch, Ingwer und Sojasauce sowie Baumnüsse. Stillende Frauen stärken sich mit einer Suppe aus 250 g klein geschnittenem Lammfleisch, 30 g Angelikawurzel, 15 g frischem Ingwer, die – mild gewürzt – langsam köcheln soll, bis das Fleisch weich ist.

Unser Tipp: Mit Schafen wandern

Bei der Wanderschäferei oder Transhumanz werden die Schafe in einem großen Zug auf gebirgige Sommerweiden und im Winter zurück auf schneefreie Wiesen gebracht. Die Tiere sind dabei immer unter freiem Himmel. In Europa wird das vor allem in Südtirol, Frankreich und Spanien praktiziert. Der Aufbruch und das Heimkommen der Schafe sind ein Erlebnis und werden wie der Almabtrieb mit einem Fest begleitet. Auch der Jakobsweg hat einen Nebenarm auf den Spuren der Schafhirten, den noch als Geheimtipp gehandelten Camino de la Lana.

Informationen und Schäferfeste unter folgenden Links:

Tipp: Schmökern mit Schafen

  • Zauber des Windes: Die abenteuerliche Reise durch die Provence gegen Ende des 15. Jahrhunderts verrät viel über die Pflanzen- und Gedankenwelt dieser Zeit und den Zug der Schäfer. Sabine Korsukewitz, Fischer Taschenbuch, 2000
  • Ein Königreich für ein Schaf: Im Senegal ist das Schaf Mitbewohner, Statussymbol, Politikum. Annäherung an das bedeutendste Wesen des Landes, Angela Köckritz, Zeit Nr. 34/2018
  • Glenkill – ein Schafskrimi: Angeführt von Miss Maple, dem klügsten Schaf der Herde und möglicherweise sogar dem klügsten Schaf der Welt, finden die Schafe heraus, wer ihren Schäfer George auf dem Gewissen hat. Leonie Swann, Goldmann Verlag 2008
▶Quellen

(1) Kendrick, Keith M. et al., „Sheep don’t forget a face“, Nature Vo­lume 414, November 2001, www.nature.com/articles/35102669
(2) „Systemanalyse der Schaf­ und Ziegenmilchproduktion in Deutschland“, Bioland, Augsburg, Januar 2017
(3) Zauber des Windes, siehe Lesetipp
(4) Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie/Statisti­sches Bundesamt, www.bvdf.de/in_zahlen/tab_05
(5) Strehlow, Wighard, Die Ernährungstherapie der Hildegard von Bingen, Knaur MensSana HC, 2004

▶Weiterführende Literatur und Informationen
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