Im Tal des Duftes – Zeit der Rosenernte

Bulgarisches Rosenöl ist eine Kostbarkeit: Unvergleichlich in seinem Duft und begehrt für Gesundheit, Parfums, edle Kosmetik und Spezereien. Bis heute werden die Rosen im bulgarischen Rosental von Hand geerntet. Während der Rosenernte im Juni ehren die Bulgaren die kostbaren Blüten mit zahlreichen Festen. Ein Besuch

Wenn in der Frühe ab 5 Uhr die Kleintranspor­ter der Rosenpflücker über die Feldwege heranrumpeln, ist es noch empfindlich kalt. Der Morgen taucht die schneebedeckten Berge um das Tal von Kasanlak in blaues Licht und auch die Rosenfelder sind noch von zartem Violett überzogen. Ein Hauch von Märchen und Orient durch­ dringt die kühle Morgenluft und weckt die Sinne. Es ist der Atem der abertau­ send frisch entfalteten Rosenblüten, die ihre feinwürzige Süße verströmen. Noch leicht und zart lässt sie bereits die Intensität des Duftes erahnen, die ihnen die Sonne und Wärme im Laufe des Tages entlocken wird.

Rosenpflücken in Bulgarien
Kein leichter Job: Rosenpflücken in Bulgarien

Frauen und Männer jeden Alters schwärmen mit großen Plastiksäcken zwischen die sorgsam angelegten Rei­ hen der Rosenbüsche aus und begin­ nen sofort mit ihrer Arbeit. Aus man­chen Reihen ertönen Lachen und Unterhaltung, andere gehen ange­strengt und ernst ihrer Arbeit nach. „Woher kommst du? Aus Deutsch­land?“, werde ich gefragt, „Ah, gute Löhne dort, da hast du Glück!…“. Längst nicht alle tragen Handschuhe zum Schutz, viele müssen trotz der Dornen die Rosen fühlen, um aus­ schließlich die voll erblühten Blüten schnell und präzise abgreifen zu kön­nen. Handvoll um Handvoll füllen sich die Säcke, die die Pflücker*innen wie Schürzen vor ihrem Bauch befestigt haben. Ein bis zwei Stunden dauert es, bis ein Sack voll ist. Dann wird er ge­wogen, 9 bis 10 Kilo bringt er randge­füllt auf die Waage. Die Zeit drängt, denn die Blüten müssen in den Mor­genstunden geerntet werden, solange sich der Morgentau auf den Blättern hält und der Ölgehalt in den Blüten noch hoch ist. Sind die Blüten zu lange der Sonne ausgesetzt, verflüchtigen sich bis zu 70 Prozent des Öls.

Wo die Rosen gern wachsen

Das malerische Tal zwischen den Städ­ten Karlowo und Kasanlak in Zentral­bulgarien ist das weltgrößte Anbauge­biet von Rosen zur Gewinnung von Rosenöl. Die Rose ist größter Arbeitge­ber der Region und Bulgarien weltweit größter Lieferant des wertvollsten aller Öle für Parfums, Kosmetika und Phar­mazie sowie exquisite Süßspeisen. Das Klima auf 500 Metern über Mee­reshöhe bietet perfekte Voraussetzun­gen für das Wachstum der Rosen, allen voran der „Rosa damascena“. Seit über 300 Jahren wird die berühmte Duft­ und Ölrose hier erfolgreich angebaut.

Rezept: Feine Creme mit Damaszenerrose

Zwei Bergzüge im Süden und Norden des Tales schützen die Pflanzen vor Frost im Winter und zu großer Hitze im Sommer. Zwei Flüsse versorgen die Erde mit Wasser, der Boden scheint ideal geeignet für das Rosenwachstum. „Unsere Rosen brauchen keine beson­dere Zuwendung“, sagt Vanya Kureko­eva von der Destillerie „Enio Bonchev“, die mich zu einer Besichtigungstour im Dorf Tarnichene empfängt. „Wir düngen ausschließlich mit den Abfall­produkten unserer Destillation und Kuhdung. Das scheint den Rosen gut zu bekommen.“

Ganz natürlich wachsen die kostbaren Rosen
Ganz natürlich wachsen die kostbaren Rosen

Destillation wie vor alter Zeit

Das Unternehmen ist eines der größten und ältesten im Tal. Nach der Verstaat­lichung des Betriebs in den 40er­Jah­ ren erhielt die Familie das Unterneh­ men 1992 zurück und investierte seitdem viel in den Anbau von neuen Rosen und die Weiterentwicklung der alten Destillieranlagen.

Rund 400 Sack Rosenblüten ergeben einen Liter Rosenöl
Rund 400 Sack Rosenblüten ergeben einen Liter Rosenöl

Heute kann während der Erntesaison gleichzeitig in vier Destillerien der Er­trag von 160 Hektar Rosenfeldern – 60 Hektar davon rein biologisch bewirt­ schaftet – verarbeitet werden. Ein unterirdisches Wasserreservoir versorgt nicht nur die Felder, sondern liefert auch genügend reines Wasser für den Destillationsprozess. Die unverzügli­che Verarbeitung der Rosen spielt eine entscheidende Rolle für die Qualität des Öls. Schnell schütten die Arbeiter Sack um Sack der angelieferten Blüten­blätter in die maischigen Dampf­ schwaden der riesigen Stahltanks. Je nach dem Ölgehalt der Blütenblätter sind drei bis vier Tonnen, also drei­ bis vierhundert Säcke Rosenköpfe notwendig, damit am Ende ein Liter gold­ gelbes Rosenöl in die große Glasfla­sche fließt, die Eigentümer Philipp Bonchev höchstpersönlich unter den Zapfhahn hält. Danach wird die Des­tille bis zum nächsten Vorgang sofort wieder verplombt – die Prozedur um das wertvolle Gut wiederholt sich zur Haupterntezeit bis zu zweimal am Tag.

Rosendestillation nach alter Tradition
Rosendestillation nach alter Tradition

Die Rose öffnet das Herz

Als Heilmittel für unsere Seele wirkt sich die Zusammensetzung des Rosen­öls beruhigend und harmonisierend aus und hilft uns bei Stress und depres­siven Verstimmungen. In der Geburts­hilfe, aber auch in der Palliativmedizin wirkt Rosenöl als Aromatherapie. In der Sterbebegleitung und Trauerarbeit ist die Rose eine wichtige und trösten­de Begleiterin. Sie wird auch bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen und als Unter­ stützung für Menschen in stressbela­ denen Berufen eingesetzt.

Allheilmittel für den Körper

Auf körperlicher Ebene dient das äthe­rische Öl als Unterstützung für das Nervensystem und das Herz­-Kreis­lauf­-System, ihm werden schmerzlin­dernde und krampflösende Eigen­schaften zugeschrieben. Gleichzeitig wirkt das hochverträgliche und antial­lergene Öl, äußerlich angewendet, an­tiseptisch und antifungizid. Bereits im Mittelalter wurde Rosenwasser zur Hautreinigung benutzt, die Ägypter verwendeten Rosenöl zur Mumifizie­ rung ihrer Toten.

Das begehrte Öl hatte und hat indes seinen Preis: Für einen Milliliter bul­garischen Rosenöls zahlt man heute gut und gerne 30 Euro, ein Liter wird im Großhandel mit bis zu 10 000 Euro gehandelt. Eine synthetische Herstel­lung dieser Substanzen ist zwar mög­lich und verbreitet, reicht aber an die komplexe Zusammensetzung der na­türlichen Stoffe der Rose nicht heran.

Explosion für die Sinne

Vanya präsentiert mir im Minimuseum und Shop des Unternehmens eine Aus­wahl der hauseigenen Produkte. Stolz zeigt sie mir das Rosenwasser, das mit drei Prozent Ölanteil dreimal mehr Öl enthält, als der Standard es fordert. Ins Antlitz gesprüht, verleiht es mir einen wahren Frischekick. Leicht und kühl legt es sich auf die Haut, erfrischt die Augen und schenkt, auf die Haare ver­ teilt, sofort einen nährenden Glanz.

Und dann das Öl: Einmal an dem win­zigen Glasröhrchen geschnuppert, erlebe ich eine wahre Explosion der Sinne. Betörend und verführerisch, wird mir beinahe schwindlig vor lauter süß und schwer. Der Duft ist geheim­ nisvoll, nicht in Worte zu fassen, gibt gleichzeitig Geborgenheit und Um­ mantelung und lässt süchtig werden nach mehr.

Draußen in der Mittagssonne hat sich der Rosenduft mittlerweile über das ganze Tal ausgebreitet. In Wellen strö­men die mit Staub angereicherten, süßschweren Schwaden von den Fel­dern über die Straßen und senken sich auf die Dörfer nieder, wo an den Stra­ßenrändern die Pflücker*innen ihre Säcke zur Abholung gesammelt haben und nun darauf warten, nach Hause zu kommen.

Das Rosenfest in Kasanlak
Das Rosenfest in Kasanlak

Feiern im Zeichen der Rose

In Kasanlak, dem wirtschaftlichen und touristischen Zentrum des Rosen­tals, rüsten sich Geschäfte und Händ­ler zum Rosenfestival. Jedes erste Wo­chenende im Juni kleidet sich die Stadt in Rosa. Die Fußgängerzone quillt über vor rosaroten Rosenkränzen und Plastikgestecken, unzählige Rosen­produkte für Magen und Schönheit zieren die Verkaufstische der Händler und warten auf den Höhepunkt der Festivitäten, die Wahl der Rosenköni­gin auf großer Bühne. Busse voller Touristen bereisen die Stadt sowie die zahlreichen Feste in den umliegenden Ortschaften. Schilder an der Straße und bunte Wimpel weisen den Weg zu den Feldern. Die Feiern auf den Ro­senfeldern haben eine lange Tradition, als Ode an den Frühling und Bitte um eine gute Rosenernte. Mädchen und Jungen in rot­weißer Tracht laden zum „Showpflücken“ ein und lassen sich so schön aufgeputzt bereitwillig von den Besuchern ablichten. Alte Kupferkes­sel und Holzbottiche voller Rosenblü­ten zieren die Szenerie, die Älteren bieten Gelee und Rosenwasser, Seifen und Cremes zum Verkauf an. Dann kommen die Musikanten und die Mädchen tanzen Hand in Hand zur Musik die alten Tänze in der Mittags­sonne, während die Touristen durch die Felder schlendern, an den Blüten schnuppern und mit Rosenblüten be­ schenkt werden.

Bulgarische Rosenmädchen
Bulgarische Rosenmädchen

Das Tal indes zeigt sich davon unbe­eindruckt. Im goldenen Licht der letz­ten Sonnenstrahlen schimmert ein rosa Teppich aus verbliebenen Knos­pen über den grünen Feldern. Die letz­ten Schneeflecken auf den Berghängen leuchten mit den weißen Wölkchen im blitzblauen Himmel um die Wette. Die abgeernteten Rosenbüsche haben nun eine Nacht Zeit, um sich zu erholen, bis sich am nächsten Morgen unzählige neue Blüten entfalten werden…

Info: Rosenfest in Bulgarien

geschrieben von
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